Dienstag, 4. September 2012

Vilnius - Polen - Dresden - Tschechien

Wenn an noch so schönen und ausgefüllten Tagen mich missgelauntes Unbehagen plagt, dann wäre es besser zu schweigen. Doch da gibt die Körpersprache beredt Auskunft, wie dunkle Dämonen im Innern kämpfen. Zum Schluß artet die Fahrt in unverträgliche Kilometerfresserei aus.


Hier haben holländische Edelschrauber sich auf einem Saurer-LKW ein behagliches und großdimensioniertes Heim geschaffen und es bis auf ddas City-Camp in Vilnius geschafft.


Das Museum des Massenmordens in Vilnius logiert im ehemaligen KGB-Foltergefängnis. Wer sich Orte wie diese ansieht, dem hängen noch Stunden, wenn nicht Tage lang düstere Gedanken nach. Das Schlimmste dabei ist eine grausige Gewißheit, dass sich nichts, aber auch nichts, im Menschen seitdem geändert hat. Die Masken sind up-2-date, doch hinter den lächelnden Masken grinsender Gewinngesichter lauert ein ähnliches Monster Mensch wie seit immerdar in allen Zeiten und Regionen. In mir wie in Dir!

Die Massenmanipulation von Gott-Kaiser-Cäsar-Führer wird immer klarer und offensichtlicher. Bei Google zeichnen die Eingabe der Wörter

"Die christlichen Wurzeln des Nationalsozialismus."

ein klares Bild. Auch die Verbrechen Stalins sind m. E. in vergleichbarem Zusammenhang zu verstehen: Massenmanipulation im tiefverwurzelten Glauben an Gott-Kaiser-Zar-Führer. Sinnsuche und Selbstverwirklung Einzelner aus dieser seit Jahrtausenden in Menschen verpanzerter Struktur wird sich weiter von dieser Verkettung befreien.


Hinter prächtig renovierter Fassade hält das Museum "Zentrum für die Forschung der Genoizde und Resistenz litauischer Bevölkerung" das Grauen lebendig. Die Toten der sowjetischen Besatzung von Juli 1940 bis Juli 1941 und von 1944 bis zur Befreiung der Fremdherrschaft 1991 gehen in die Hunderttausende. Der Naziterror schloß nahtlos am 22.06.1941 an den Sowjetterror an und dauerte bis zum Juli 1944, worauf wiederum die Sowjets ihren Terror fortsetzen. Die Folterkammer und Todeszellen, die KGB-Zentrale mit der elektronischen Lauschüberwachung der Gefangenen, einem Video von Hinrichtungen in der ehemaligen Hinrichtungszelle hinterlassen in den Besuchern einen erschütternden Eindruck. Das Video in der Hinrichtungszelle zeigt das Geschehen: Die Wärter zwingen den gefesselten Gefangenen in die Zelle. Ein aufgesetzter Genick- oder Kopfschuß, ein zusammensackender Körper, der über eine schiefe Blechebene ins Freie geschoben wird, ein Eimer Wasser über die Blutlache, die das Blut im Abfluß abschwemmt. Der Nächste.


Auch im Vilnius-Museum der neueren Zeitgeschichte setzt sich der kriegerische Aspekt geschichtlichen Handelns ungebrochen fort. Eindrucksvoll dokumentieren Knochen und Ausrüstung aus den Massengräbern der Soldaten, wie Napoleons Truppen, die beim Einmarsch und Rückzug Vilnius heimsuchten, in Vilnius zu Grunde gingen. Gemälde beweisen, wie sich ausgemergelte Landser dem Tode nahe durch Vilnius schleppten, krepierende Gäule im Schnee.



Das große Morden durch Jahrtausende der Menschheitsgeschichte gesegnet von Mutter-Gottes-Maria. Der schräge Schauer von Sex and Crime, Kreuz-Jesus und Madonna-Jungfrau, Mutter Gottes - steh-uns-bei im Leben und Sterben.


Eliten damals wie heute: Auf Blut und Schweiß verdummter und versklavter Massen einst und verfressenen Urnenpöbels heute stützen sich die Mächtigen - immer und überall. Der Glaube, dass sich verdiente Menschen um das Gemeinwohl sorgen, ist durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende Mord-, Blut- und Gewaltgeschichte widerlegt. Der gutmenschelnde Gebets-Glauben lächelnder Gewinn-Gruppen von Esoticker und Religioten ist für mich nicht mehr als Marktideologie. Die ideologischen Priester, Machtverwalter und -erhalter geben sich in Inneren Kreisen grinsend gewinnend, nach außen faschistoid zum "Alt-Bösen-Feind". Egoismus rechnet sich für den Einzigen und sein Eigentum. Dazu zählt die Sippe, die Gruppe Gleichgesinnter. Am meisten widert mich der Egoismus hinter Heuchelnder Heiligigkeit an.



SPON - 1. September 2012: Letztes Interview von Kardinal Monti vor seinem Tod: "Unsere Bräuche sind aufgeblasen, unsere Kirchen groß und leer", sagte der Mann, der 2005 für das Amt des Papstes gehandelt wurde.



Menschen domestiziert in Kasernen, Amtsstuben und Fabriken, menschliche Kreativität, Schaffens- und Lebenslust abgerichtet wie zu maschinengleichen Robotniks, gleich wildem Wasser wie Flüsse in Betonbetten gewzängt. Wie in Überschwemmungen, wie in Naturkatastrophen zerstören Kriege und Revolutionen Menschen mitsamt Hab und Gut. Schuld und Sühne bleiben als lächerliche Rechnungen zwischen Siegern und Besiegten und munitionieren den nächsten Crash.



Die Polizeistation in Vilnius ist heute durch rasiermesserscharfe Stacheldrahtrollen gesichert, in früheren Zeiten noch durch Elektro-Zäune. Graffiti an den Wänden beweisen, dass die Staatsmacht mittlerweile mehr Freiheit gewährt.


Das Kreuz-Denkmal am Fernsehturm in Vilnius gedenkt der letzten 23 Tote, welche am 13. Januar 1991 die Panzerfahrer unter dem Oberkommando von Gorbatschow zermalmt hatten.


Abfahrt vom City-Camp in Vilnius bei strahlendem Sonnenschein, der uns den ganzen Tag nicht im Stich ließ. Doch dennoch müssen wir den Anstrengungen der Rückreise, bei der wir uns größere Strecken als auf dem Hinweg abfordern, schmerzhaften Tribut zollen.



Dieser Vorstadtbahnhof vor Vilnius ähnelt noch den Bahnhofsgebäuden, wie sie mir aus meinen Kinderjahren geläufig waren - also bis etwa 1960 in Deutschland. Die Mauern, welche der Krieg noch übrig ließt, sind mittlerweile geschwungenem Betonbarock gewichen, die Bahn verkehrt eben in ähnlichen Glaspalästen, wie sich Macht in Banken und Versicherung manifestiert.


Wir warteten am Bootssteg des feudalen Campingplatzes in Trakai auf das Schiff, um zur Festungsanlage überzusetzen. Doch wir warten vergebens. Das Schiff legt nicht  an, wie es uns zugesagt war.



Also machen wir uns im Auto auf den Weg zur Burg, sparten 40 Lita, etwa 12 Euro, für das Boot, und parkten in fünf Minuten Fußweg von der Brücke zur Festung. Die Katze fühlt sich wohl in einem der kleinen, bunten, alten Holzhäuser.


Grau-dunkle Wolken häufen sich über der Burgenpracht aus roten Backsteinen.


Die Brücke zur Inselburg ist so schmal, dass kaum ein dickbäuchiger Mensch sich noch neben dem Auto vorbei drücken kann.



Der Aussicht vom Turm über die Inselwelt auf den Seen wäre unvergesslich. Doch der Aufstieg war leider gesperrt.



Dafür bewundern wir staunend den Innenhof des Burggeländes. Die Ausstellung zur Geschichte von der Burg und Litauen in den einzelnen Räumen verstärkt ihre Eindrücke mit multimedialen Effekte.


Der prächtigste Saal im Burggebäude misst 200 Quadratmeter bei einer lichten Höhe von 5,5 Metern.



Wie die Medien heute ständig und von überall das Mordgeschehen der Menschen gegeneinander dokumentieren, so zeigt dies Museumstück die Bombardierung von Danzig 1809.


Als wir das Burggelände verlassen, haben sich die Sonnenstrahlen wieder durch die Wolken den Weg frei gekämpft. Die Vielzahl martialischer Burgansichten, Kriegs- und Heiligenbilder, sakraler und weltlicher Mord- und Machtgewalt hallt auch in meinen Sätzen wider. Reisen regt mich mehr auf und an als mich im Sessel sitzend Glotz-TV Krimi konsumierend oder bei Wagner verführter Musik Rezeptions über Stunden. Reisen ist erwachendes Wachsen im Hier-und-Hetz.



Romantischer Blick zurück: Das in den Jahrhunderten zerfallene Gemäuer, mit dessen Steinen sich Handwerker und Bauern ihre Behausungen errichtet hatten, ist erst im 20.Jahrhundert wieder zu dieser Disney like Postkarten-Idylle auf ein Neues errichtet worden. Backstein auf Backstein. Legoland live.


Der Hummer-SUV hebt sich farblich und im Größenvergleich mächtig prächtig gegen eines der üblichen Holzhäuschen der Altstadt ab.


Für die gesparten Lita der verpassten Bootsfahrt dinieren wir feierlich mit Ausblick auf die Burg.


Im Laufe des Tages stabilierst sich meine Stimmung, unsere Laune, das Zusammenleben. So gelingt noch ein romantisches Burg-See-Blauer-Himmel-Bild.


Mima bastelt für ihren Weihnachtsmarkt ähnliche Steckenpferde. Allerdings sind ihre hübscher.



Etwa 80 Kilometer weiter und kurz vor der polnischen Grenze klingt der Tag mit einem Bilderbuch-Sonnenuntergang aus. Zudem erfrischt mich noch ein Bad im See, dessen kristallklares Wasser bei weitem nicht so kalt ist wie die Ostsee kurz vor Estland. Dieser Reisetag von Vilnius bis kurz vor die polnische Grenze war schon anstrengend. Doch der nächste Tag mit beinahe 300 Kilometer auf polnischen, holprigen Straßen hat uns mit einem 12stündigen Arbeitstag vollkommen geschafft.


Bei der ersten Morgenrast in Rodzin geht es uns noch gut. Zeitverschiebung von einer Stunde und ein viel wärmeres Wetter sollten uns aber neben den Straßen dritter und vierter Ordnung noch viel zu schaffen machen. Vielleicht waren mir die drei fetten, kleinen Fische aus dem See von Rodzin zum zweiten Frühstück dazu noch recht unbekömmlich.


Der Besitzer dieses Dorfladens in Rodzin sprach Deutsch nach langjähriger Arbeitszeit in Frankfurt. Er verkaufte mir für 50 Cent 200 Gramm Lebkuchenkekse, die mit Schokolade überzogen und mit Marmelade gefüllt waren. Der Verzehr dieser Süßspeise wäre wohl schon ohne eine anstrengende Fahrt belastend, bei dieser Fahrt aber auf jeden Fall ganz, ganz schlecht.



Die Mittagshitze versuchen wir an einem ruhigen Platz in Rozan zu überstehen. Wir finden auch wirklich ein Schwimmbad am Fluß Nerew, welcher kühl, doch erfrischend ist. Zudem überwachen zwei Bademeistern den Platz, die die Ruhe mit Pop aus scheppernden Lautsprecherboxen nachhaltig stören. Dennoch gelingt es uns, kurz im sich aufheizenden Auto zu schlafen. Die weitere Fahrt auf den engen, zweispurigen Straßen durch das flache Weide- und Wiesenland ist nervenaufreibend. Busse, die gerade mit Müh und Not 100 km/h schaffen, müssen Sattelzüge überholen, die mit 85 bis 90 km/h über die Landstraße donnern. Durch Dörfer, welche maximal 50 km/h gestatten, donnern 3,5-Tonner, um mit 80 km/h Lastwagen im Dorf zu überholen. Vor dem 3,5-Tonner-Transporter schert ein PKW aus einer Einfahrt mit quietschenden Reifen aus, dass der Lieferwagen scharf seine vollkommen überzogene Geschwindigkeit abbremst. Kurz: Die Verkehrsdisziplin lässt stark zu wünschen übrig. Polen soll in Europa mit nahezu den höchsten Unfallraten schrecken.

Bei Gostynin haben wir einen einsamen Campingplatz an einem See erhofft. Doch wir schaffen die Strecke nicht mehr. Ein Schild lockt uns zu einem Gasthof, der 24 Stunden offen hat. Dort finden wir auch wirklich einen See mit Hütten und Wohnwagen, welche kaum noch Regendicht sind. Eine überdachte Bühne von 30 Metern im Quadrat lockt bei dröhnender Discomusik zum Tanz. Im Hintergrund drappiert sich eine Gruppe von 15 bis 20 schwarz uniformierten Skinheads. Zarte Mädchen im Frühling ihrer langhaarigen Lebenslust biegen einladend ihre gelenkigen Körper. Wir haben das Gefühl in eine Art Freiluft Animierbetrieb geraten zu sein und verlassen mit Schrecken und versiegender Kraft den Platz. Ein Restaurant weiter kehren wir ein, bitten nach dem Abendessen im Hinterhof den Wagen zur Nacht als unser Heim aufzustellen. Wir dürfen das. Mir ist schlecht - kaum 300 Kilometer hinter mir nach einem 12stündigen Arbeitstag.


Anderntags brechen wir um 9.00 Uhr früh auf.  Lange Stunden Schlaf haben unsere Körper und Sinne regeneriert. Wir wollen uns mit etwa 200 Kilometern bis Poznan/Posen begnügen. Wie die Uhr vor dem Hotel in Konin dokumentiert, pausieren wir nach etwa der halben Strecke um 11.15.


Mittags verwöhnen wir uns in der plüschigen Atmosphäre des Hotel Konin mit einem excellenten Mal: Suppen, Salat, Piroggen mit Spinat gefüllt, Reis mit Gemüse und zwei Kaffee zum Abschluß. Doch dafür zahlen wir auch über 20 Euro. Als einzige Alternative hätte sich als Gastronomie in der näheren Umgebung nur noch eine Döner-Bude geboten.


Eine junge Dame mit fasznierendem Dekollté in der Touristeninformation händigt mir eine aufwändige, mehrsprachige Buntdruck-Broschüre über Konin aus. Diese belehrt mich, das Konin zentral auf der Strecke Berlin-Moskau liegt. Weiterhin verweist mich das Heft auf einen der ältesten Meilenstein von 1143, mit dem Konin als Wahrzeichen wirbt.


Andere Gebäude, wie diese einst herrschaftliche Villa am Fluß, stehen zwar schon unter Denkmalschutz, sind aber noch nicht so wunderschön renoviert wie die Brücke. Wir leisten uns von Konin die letzten 100 Kilometer bis Poznan die Autobahn, was 28 Zloty, also etwa sieben Euro kostet. Doch dafür sind wir schnell auf dem Viersterne-Campingplatz in Poznan, der 80 Zloty, also 20 Euro mit allem Komfort kostet - Internet, Dusche, Gastronomie und rundherum ein Erlebnispark mit Ruder- und Kanurennen, einer Riesenrutsche auf Schienen mit Wagen, einer Art Sommerskizirkus auf Säcken mit Schlepplift, verschiedenen Tanzdiskos, chinesisch-thailändischem Restaurant, Baumkletter-Gelände, einem 5,5 Kilometer Rennrundkurs um den See, auf dem wildgewordene Mountain-Biker tollen und vielen Liebespaaren, die sich gegen die Abendkühle knutschend wärmend beglückend entzücken und ihr Inneres Feuer entfachen.


Gleich der Nachbar auf der nächsten Parzelle führt eine Reisegruppe in seinem Dickschiff. "Wohin führen Sie denn die Reisegesellschaft?" Er sagt: "Masurische Seen und Litauen." "Was so weit?", provoziert ihn mein Erstaunen. Denn er sieht den Schmutz auf unserem Wagen. Es ist ersichtlich, dass nun bald viertausend Kilometer hinter uns liegen. Ein Monat mit Mimamai auf der Enge von sechs Metern Länge und zwei Metern Breite in einem Bett von 135 mal 190 Zentimetern. Eins ist sicher: Man lernt sich näher kennen auf so engem Raum! Aber es ist ja nicht das erste Mal, es sind auch keine Flitterwochen-Fahrten mehr nach in unserem 16. Jahr, aber es ist immer noch aufregend, spannend, geil gar bei Vollmond und chilenischem Rotwein.



Mondnacht über dem See MALTA in Poznan: Rund um den See ist das Leben wie ein Rummelplatz. Bootrennen, Fahrrad- und Rollschuhfahrer, die um den See jagen, Schlitten auf Kufen und ein Lift, um Menschen herunterrutschen zu lassen auf Matten, Diskos, Lokale. Die Menschen feiern in den Sonntag bis morgens früh um fünf. Die Parkwächter schleichen ums Auto, bedienen ihre Funkgeräte, welche mich mit unangenehmen Piepen wecken. Was sich die Wächter am Campingplatz  im Morgengrauen über ihre Funkgeräte zu erzählen haben, ist ärgerlich für mich, weil dieser Lärm meine Nachtruhe zu früh beendet..


Wieder, wie im Mai, vor dem prächtigen Dom in Poznan. Immer wieder erstaunen mich die mächtigen Backsteinmonumente, um Frömmigkeit in Reih und Glied zu organisieren.


Die Symbole zeigen das Spiel von Macht, Politik, Manipulation. Kreuz, Krone, Kanonen - immer und überall. Mittlerweile beanspruchen die New-Age Erleuchter Marktanteile an diesem kruden Geschäft.


Doch wenn nicht gerade Busse die Pilger in Scharen in die Heiligen Hallen schaffen, versuchen diese Angler sich am schönen Sonntagmorgen ihren Speiseplan mit ein paar Eiweiß liefernden Fischen aufzubessern.


Immer wieder die in Stein gehauene Heiligen huldigende Andacht gespielter Hingabe an das Symbol des Leidens, Jesus. Die Macht auf dem Marktplatz bewerben heute vielfach andere Angebote als das Leiden Christi. Doch es geht - wie immer - um Macht und Einfluss, um Gewinn und Genuss.



Profi-Kletterer behängen die Fassaden am Marktplatz von Poznan mit neuen Werbebildern. Statt Krone, Kreuz und Kanonen demokratisiert sich der Markt in Richtung Kommerz.


Symbole auf einem barock verzierten DAchgiebel am Marktplatz in Poznan. Der Raubvogel über Kanonen und Kriegern. So brummt das Geschäft und ist sicher. Gleiche Symbolik schmückten wohl schon die Rutenbündel schwingenden Söldner, die dem Cäsar den Weg frei prügelten.



Die sonntägliche Fahrt Richtung Deutschland führt uns auf Straßen ohne Nummern an Orten ohne Namen - auf der Karte - vorbei, bis wir erstaunt vor einem Schloß stehen. Die aufgereihten Briefkästen lassen vermuten, dass das Anwesen von mehreren Parteien bewohnt wird. Doch kaum lassen sich Menschen einmal in den verlassen wirkenen Dörfern erblicken.



Irgendwann und irgendwo kaufen wir am Sonntag im Supermarkt ein. Das wäre weiter nicht der Rede wert. Doch die Öffnungszeiten dieses Marktes in irgendeinem verlassenen Nest sollte man sich näher ansehen.


Öffnungszeiten im Dorfsupermarkt - irgendwo in Polen, nicht weit von der deutschen Grenze. Um dem oberflächlichen Betrachter auf die horrenden Arbeitsstunden aufmerksam zu machen. Von Montag bis Samstag öffnet der Laden 13 Stunden lang, am Sonntag acht Stunden. Wenn dabei für das Personal soviel Lohn herausspringt, wie die Hartz-IV-Industrie verteilt an einzelne Kunden, würde mich das schon sehr wundern. Dennoch sind die Preise für Lebensmittel durchaus mit unsrigen vergleichbar.

Gegen Abend erreichen wir nach dreieinhalb Stunden anstrengender Landstraßenstrecken und längeren Pausen den Campingplatz in Slawia. Das Erholungsdorf liegt an einem 854 Hektar großen See, dessen Wasser allerdings grünlich schillernd schrecken. Immerhin schicken die Herrchen Hunde in die Fluten, welche sich nach anfänglichem Zögern und Zaudern später sichtlich im grünen Badewasser vergnügen.


Wie an jeder touristischer Attraktion bisher in Polen ist auch dieser See von Buden, Spielhallen, Eisdielen, Fisch- und Frittenküchen besiedelt. Die obligate Techno-Tanz-Diele hat schon mangels Kundenmassen geschlossen. Ein nobles Hotel befriedigt und bedient anspruchsvolles Publikum.


Statt flackernden Leuchtreklamen werben die Buden mit künstlerisch anspruchs- wie ausdruchsvollen Plakaten.


Vor dem langen Sanitärgebäude rasieren wir uns im Freien. Wer sein Auto reparieren muss, nutzt vor dem Sanitärgebäude die Wartungsbühne. Doch es ist anzunehmen, dass mittlerweile die meisten Autos gut genug sind, um die Fahrt in den Urlaub und heim zu schaffen.


Endlich schaffen wir es, Polen auf der Autobahn in Richtung Dresden zu verlassen. Mima findet mit dem untrüglichen Instinkt einer erfahrenen Marktfahrerin bei Panewitz in Sachsen ein schattiges Plätzchen zur Mittagszeit. In einem aufgelassenen Steinbruch hat sich Grundwasser angesammelt, aus dem die Feuerwehr ihr Löschwasser zapft. Das Bad dort ist weit einladener als am polnischen See in Slawia. Der dunkle See spiegelt zwei kreisende Raubvögel in großer Höhe.


Diesmal steht für mich in Dresden nur ein Besuch an: Das historische Militärmuseum. Zwei fasznierende Stunden in dem Groß-Gebäude frischen meine Geschichtskenntnisse über die kriegerische Vergangenheit auf. Mima wartet in der Hitze nur ungern, weswegen meine Besuchszeit leider begrenzt bleibt.



Vom luftigen Anbau genießt man vom höchsten Punkt des Gebäudes zudem noch einen eindrucksvollen Blick über die Stadt. Doch einige der grausigen Exponate gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Krieg, Mord und Selbstmord sind Themen die das Museum anders angeht als lustvolle Tatort-Unterhaltung.

"Angepasst ist angepisst". Ein mutiger Mensch hat mit dieser Jacke in der Endphase der DDR versucht, seine Meinung frei zu äußern.

Wieder eine dieser Gestalten von "Gottes Gnaden": Kaiser Wilhem, der Zweite. Der Mann pokerte mit seinen Eliten um deutsche Weltgeltung, doch die Gottes-Gnaden-Gleichen verspielten den Einsatz: Millionen von Menschen. Die Ära des modernen 30jährigen Krieges von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 zeigt noch nie zuvor erlittenen industrielle Zerstörungskraft und -wut.


Wie der Museumsbesucher gleich im aufgeschlagenen Buch militärischer Geschichte blättert, so überblickt man am zum Schluß Dresden vom obersten Stockwerk des gewaltigen Gebäudes. Es dürfte der Steuerzahler nach meiner oberflächlichen Schätzung auf jede verkaufte Eintrittskarte das Zehn- bis Zwanzigfache drauf legen, um die Kosten der Anlage einzuspielen.


Düstere Abschiedsszene schwer verpanzerter Gestalten im Militärmuseum. Die Gestalt auf Knien forscht nach Minen. Die eingepanzerten Puppen scheinen mir symptomatisch für das Zusammenleben: Jeder verpanzert sich in seiner eigenen Welt aus Vorteilsnahme, jeder sucht den Sieg als Gewinn-, Genuss-, Gewalt-, Gier-Getriebener. Was andere sagen und meinen, hört der verpanzerte Mensch nur, wie es ihm nutzt. Erst Niederlagen brechen den Panzer auf, Krankheit sporadisch, der Tod endgültig.



Leider bleibt mir einzugestehen, dass nach Dresden die Fahrt etwas aus dem Ruder läuft. Im Internet hatte im tschechischen Teplice ein Zeltplatz in schönsten Worten für sich geworben. Doch allein die angegebenen Koordinaten kann das Navi nicht verarbeiten. Also müssen wir in Teplice von Tankstelle zu Tankstelle uns nach einem geeigneten Platz für die Nacht erkundigen. Auf einer eigens gekauften Karte von Teplice finden wir in einem Vorort am See ein Autocamp und einen Yachtclub. Doch das Tor ist verschlossen. Ein Landsmann öffnet uns die Gitter. Wir stehen still an einem See. Aber die Fahrt von Polen über Dresden nach Tschechien war schon zu lang.



Meine Frau hätte von Dresden leicht und schnell einen Zug nach Bamberg nehmen können. Doch sie will diesmal mit Vogelhäuschen für ihren Weihnachtsmarkt ansehen, von denen sie letztes Jahr ein paar von mir aus Tschechien geschenkt bekommen hatten. Also fahren wir Richtung Süden auf tschechischer Seite. Doch als wir in Karlsbad ankommen, erschreckt mich die Großstadt über alle Maßen, weil nichts mit meiner Erinnerung von den Vogelhäuser-Händlern des vergangen Jahres gemein hat. In diesem Schrecken zieht mir beim Studium der Karte durch den Sinn, dass der Kauf in Marienbad gewesen sein muss. Also dieseln wir weiter eine überaus schöne Bergstrecke bis auf  800 Meter Höhe in zahlreichen engen Kurven.


Wir kurven lange dann noch durch Marienbad. Doch auch die Stadt hat wieder nichts gemein mit der, wo mir letztes Jahr emsige Asiaten an einem großen Parkplatz Vogelhäuschen angeboten hatten. Mima ist mit ihrer Kraft am Ende. Sie will nur noch schwimmen. Doch das Schwimmbad wird restauriert. Weitere Bäder halten nur die noblen Hotels vor, welche sie nur logierenden Kurgästen öffnen. Bei weiterem Studium der Karte dämmert es mir, dass es das Franzensbad bei Cheb war, kurz hinter der deutschen Grenze, wo es die Vogelhäuschen gibt. Mima kann zwar noch im Wagen essen und sogar ein wenig schlafen. Doch von einer Gymnastik-Tanzbude gegenüber weckt sie dann wieder Techno auf. Dennoch fahren wir am frühen Nachmittag nochmal 30 Kilometer weiter, wenigstens auf glatter Straße, zum Teil sogar Autobahn, um in Franzensbad anzukommen. Der Ort stimmt, das Aquaforum liefert uns ein hervorragendes Bad. Am abendlichen Campinplatz vor Ort herrscht Ruhe. Die Internetverbindung stimmt.



Mit einem kurzen Ausblick auf Marienbad, hier die russisch orthodoxe Kirche für die zahlreiche und zahlungskräftige Kurkunden aus Russland, aufgefrischten Erinnerungen über meine Besuche vor Jahren in Karlsbad und letztes Jahr in Franzesbad geht dann diese Reiseerzählung online.

Wie sich dann noch die letzten Wegstrecken nach mittlerweile 4500 Kilometer gestalten, bleibt zu berichten. Jedenfalls kann Caravan Degen bei Bayreuth am Donnerstag morgen die defekte Türjalousie erneuern. Der Termin übermorgen steht also - sonst ist noch vieles offen.



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